molily Navigation

Nachrufe auf XHTML 2

Die Entscheidung des W3C, die Arbeiten an XHTML 2 einzustellen, hat viele interessante Kommentare nach sich gezogen. Ironischerweise gibt es in dem Moment, wo XHTML 2 (und XHTML 1 sowieso) auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wird, immerhin einige wenige, die die historischen Verdienste von XHTML 1 für die Webstandards-Bewegung rekapitulieren und das Scheitern zu erklären versuchen:

Einschnitt. Die verlinkten Artikel sind nicht zufällig alle auf Englisch – der entscheidende Diskurs über Webentwicklung findet in der englischen Sprache statt, und wird hauptsächlich von muttersprachlichen Akteuren getragen, hauptsächlich US-Amerikaner, Briten und Kanadier. Diese Lingua Franca erlaubt es, dass prinzipiell Menschen aus aller Herren Länder daran teilhaben können, schließt aber all jene aus, die ihr nicht mächtig sind. Im Entwicklungsland Deutschland sind es sehr viele Webautoren, deren rudimentäre Englischkenntnisse es nicht erlauben, längere englische Texte zu lesen und zu verstehen – geschweige denn, Inhalte auf Englisch zu publizieren, sodass sie für ein größeres internationales Publikum verständlich sind. Das ist sehr schade und zeigt, wie wichtig allgemein verständliche Dokumentationen, Fachartikel und Übersetzungen sind, die den Diskussionsstand aus den englischsprachigen Fachkreisen in andere Sprachräume tragen.

In diesem Sinne möchte ich einen pointierten Abschnitt aus dem genannten Artikel von James Bennett übersetzen. Nicht, dass ich der englischen Idiomatik gewachsen wäre, aber ich hoffe, die Kernideen trotzdem wiedergeben zu können. Der Titel »In pace resquiescat« ist übrigens wiederum Lateinisch und heißt soviel wie: Möge er in in Frieden ruhen. Gemeint ist der verstorbene XHTML 2. Aber nun gebe ich das Wort an Bennett:

Der »Erfolg« von XHTML

XHTML brachte normale Webworker dazu anzuerkennen, dass es so etwas wie bewährte Methoden gibt unabhängig von einzelnen Browser-Implementationen – insofern lässt sich XHTML als erfolgreich bezeichnen. XHTML brachte die Leute dazu, über die Möglichkeit eines besseren zukünftigen Webs nachzudenken – insofern lässt sich XHTML als erfolgreich bezeichnen. XHTML hat die verbreitete Auffassung über professionelles Webdesign verändert und Standards an die erste Stelle gesetzt (selbst Apple benutzt Standardunterstützung mittlerweile als Feature beim Marketing) – insofern lässt sich XHTML als erfolgreich bezeichnen.

Heutzutage ist es schwierig, sich sich den damaligen Kraftakt vorzustellen, diesen Sprung zu wagen und zu fordern, dass sich Browser an uns, die Webentwickler anpassen müssen, anstatt umgekehrt. XHTML lieferte einen wichtigen Beitrag zu dieser Bewegung – wenn auch nur durch die symbolischen Gesten der geschlossenen Elemente und der Attributwerte in Anführungsstrichen. XHTML stand dafür, einen Fuß in die Tür zu bekommen: Das Heer von unterdrückten Designern und Entwicklern, die endlich nicht mehr nachgeben wollten, zog damit die Grenze zu dem, was sie nicht mehr hinnehmen.

Der Preis des Erfolges für eine neue Technik in der modernen Welt ist allerdings eine Horde von kreischenden Fans. Gab es je schlimmere Fans? Daher rührten eine ganze Reihe von Ideen, Missverständnissen und Fehlinformationen – »XHTML ist semantischer«, »XHTML ist zugänglicher« und so weiter. Diejenigen, die glaubten, sie hätten von dem Hügel aus das gelobte Land gesehen, predigten sie so häufig und so laut, dass die Wahrheit der Sache bloß verschleiert wurde. Die nüchternen Diskussionen über die Vorzüge diesen und jenen Markups waren damit begrenzt auf kontinuierlich schrumpfende Kreise, die sich, ungehindert und weitesgehend unbemerkt, kontinuierlich wachsender Pedanterie hingaben. In dieser Hinsicht war XHTML ein Fehlschlag.

Die unklare Zukunft

Der Weg, der in die Zukunft führt, sei nun HTML 5, erzählt man uns. HTML 5 begann verheißungsvoll mit der alten, neuen Idee der Standardisierung: Die Praxis erfassen und dokumentieren, die sich etabliert und verbreitet hatte in den Jahren, nachdem die relevanten Spezifikationen das letzte Mal aktualisiert wurden. Seitdem hat sich HTML 5, wie alle heranreifenden Webstandards, fortentwickelt zu einem größeren Unternehmen, das darauf abzielt, das Web zu erneuern und bessere Methoden zur Webentwicklung zu erfinden. Im erstgenannten Sinne wird HTML 5 ein Erfolg sein, da bin ich mir ziemlich sicher. Im letztgenannten Sinne nehme ich an, dass ich eher skeptisch sein sollte.

— James Bennett, In pace requiescat