H.264 vs. WebM – Thesen zur Webökonomie

Die Bekanntmachung, dass der Chrome-Browser die Unterstützung des etablierten Videoformats H.264 bei HTML5-Videoeinbettung abschalten wird, hat für allgemeine Aufregung gesorgt (siehe auch das Anschlussposting). Google hat scharfe Kritik geerntet, aber auch glühenden Zuspruch erhalten. Seitdem tobt erneut die Codec-Diskussion H.264 versus Theora und WebM. Diese interessiert mich im Detail wenig, vielmehr will ich ein paar allgemeine Thesen formulieren, um Verhalten der Browserhersteller zu beschreiben.

  • Unternehmen wollen möglichst unabhängig, einflussreich und handlungsfähig sein. Die Browserhersteller unterstützen diejenigen Formate und die Software, auf deren Entwicklung sie Einfluss nehmen können. Kein Browserhersteller will sich an ein Format binden, das unter der Kontrolle anderer, zumal einzelner Unternehmen liegt. Browserhersteller wollen am liebsten Formate unterstützen, für die sie selbst das »geistige Eigentum« besitzen. Zumindest wollen sie keine Lizenzkosten zahlen müssen – oder an der Auszahlung der Lizenzkosten von anderen Browserherstellern teilhaben.
  • Industriekonsortien wie das W3C, ISO und auch MPEG versuchen die Einzelinteressen zu moderieren. Darin gibt es ebenfalls gewisse Rollen und Machtverhältnisse. Kein Browserhersteller will sich in den Patent- und Lizenzdschungel anderer Hersteller begeben. Konsortien sorgen dafür, dass Browser- und Formatkriege bloß »Kalte Kriege« bleiben. Im Falle von MPEG sind die Eintrittskarten allerdings bregrenzt, womit das Konsortium zu einer Allianz der Patentinhaber gegen die restlichen Unternehmen wird.
  • Browserhersteller unterstützen die Formate, in die sie in der Vergangenheit bereits investiert haben. Sie sind konservativ und graben sich nicht selbst das Wasser ab, indem sie ihrer bisherigen Strategie selbst widersprechen. Gleichzeitig sind sie konformistisch: Wenn die anderen Hersteller es schaffen, einen Standard zu etablieren, dann müssen sie sich anpassen und ihre Strategie zähneknirschend verwerfen.
  • Nach außen hin wird diese Dynamik verschleiert: Sämtliche Browserhersteller rechtfertigen ihre Entscheidungen damit, für »offene« Standards, Interoperabilität, Performance usw. einzutreten. Das ist ihnen nur teilweise abzunehmen. Diese »Werte« sollte man als Mittel zum Zweck materieller Interessen verstehen. Eine Analyse sollte dieses ökonomische Kalkül ins Auge fassen.
  • H.264 hat es geschafft, sich als alternativlos zu setzen. Daher ist das beste Argument für H.264 seine Monopolstellung: Die technische Qualität ist gut, der Codec ist weit in der Industrie verbreitet, es gibt zahlreiche Implementierungen. Gleichsam ist das beste Argument gegen H.264 seine Monopolstellung, die praktisch keinen Codec neben sich duldet.
  • H.264 ist eine geschlossene Veranstaltung. Die wenigen Hersteller, die daran teilhaben, profitieren von dem Anspruch, sämtliche brauchbaren Audio- und Videokompressionsalgorithmen zu patentieren. Aus Angst vor sogenannten »U-Boot-Patenten« in anderen Codecs lizensieren Hersteller MPEG-4 – auch wenn es starke Abhängigkeit bedeutet, ist es für sie mitunter das kleinere Übel.
  • Da jedes Kodieren, Dekodieren sowie das kommerzielle Verteilen über das Web lizenzpflichtig ist, gibt es einen riesigen rechtlichen Graubereich. Die wenigsten kleinen und mittleren Websites zahlen entsprechende Gebühren. Hier auf der sicheren Seite zu sein, gestaltet sich für SitebetreiberInnen schwierig.
  • Googles Schritt wird deshalb als kühn angesehen, weil sie ernsthaft versuchen, das Ein-Codec-System aufzubrechen und für InhaltsanbieterInnen technische Einfachheit, rechtliche Klarheit sowie Lizenzkostenfreiheit zu schaffen. Aus Sicht von Google ist das in erster Linie eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, die sich mit den obigen Zusammenhängen erklären lässt. Sie wollen nicht zu einer Situation beitragen, die sie letztlich abhängig macht und wenig Handlungsspielräume lässt. Google ist eines der wenigen Unternehmen mit langfristigen Ambitionen hinsichtlich Video im Web und der nötigen wirtschaftlichen Stärke, um einen Aufstand zu organisieren.
  • Diese Kämpfe, in denen sich nahezu kein Hersteller mit Ruhm bekleckert, werden selbstverständlich auf den Rücken der SitebetreiberInnen und NutzerInnen ausgetragen: Es widerspricht deren Interessen, dass es kein WebM im Safari, Internet Explorer, auf dem iPad, iPhone sowie kein H.264 in Chrome, Firefox, Opera gibt. Bei den besagten Kämpfen fällt mehr zufällig etwas für sie ab. Nichtsdestoweniger stellen sich die Hersteller als Anwälte der NutzerInnen dar.
  • Die Situation ist unentschieden und offen. Die Frontlinie verläuft derzeit zwischen Microsoft, Apple vs. Google, Mozilla, Opera.

    • Adobe steht dazwischen. Sie haben den Weg gewählt (wählen müssen), H.264 zu unterstützen. Sie machen alles, um die Flash-Plattform für Video attraktiv zu gestalten, und haben daher WebM-Unterstützung angekündigt. In dem Moment, wo die Flash an Bedeutung verliert, wäre es ohnehin unklug, sich auf eine der Seiten zu schlagen.
    • Microsoft wird WebM nicht von Haus unterstützen. Dass sie ein WebM-Plugin angekündigt haben, lässt sich vielmehr damit erklären, dass sie sich Kompatibilität auf die Fahnen schreiben können. Dies täuscht nur schlecht darüber hinweg, dass sie in der Sache eindeutig auf einer Seite stehen. Microsoft verhält sich so, wie man es erwarten würde: Ihre Äußerungen zum Thema argumentieren mit der Monopolsituation von H.264. Sie streiten ab, als H.264-Patentinhaber einen finanziellen Vorteil aus der Lizenzierung von H.264 zu ziehen. Microsoft will mit der Unterstützung fremder Codecs kein Risiko eingehen, sie haben sich mit dem Status Quo gut arrangiert und es gibt aus ihrer Sicht kein Grund, sich in rechtliche Schlachten verwickeln zu lassen. Sie profitieren als Codec-Hersteller von dem MPEG-Frieden.
    • Apple dominiert mit iPhone und iPad den Video-relevanten Mobilmarkt, erlaubt auf diesen Geräten keine Videowiedergabe über Flash und steht daher aggressiv für H.264 ein. Apple-Chef Steve Jobs macht sich die Ansicht der MPEG Licensing Administration zu eigen, dass sämtliche Codecs mit Patenten behaftet seien – gemeint ist: mit Patenten der Hersteller, die der MPEG-LA angehören. Er wartet darauf, dass die MPEG-LA rechtlich gegen vermeintliche Patentverletzungen der freien Codecs vorgeht.
    • Abseits stehen Mozilla und Opera. Das könnte man im Falle von Mozilla idealistisch mit der Selbstverpflichtung auf Freie Software erklären. Ökonomisch erklärt sind sie zu klein und irrelevant. Eine Lizenzierung von H.264 und die daraus resultierende Abhängigkeit ist für sie keine Option. Sie wissen, dass sie im Kampf der IT-Riesen nicht mitstreiten können. Für sie ist es insofern gegeben, auf freie Codecs zu setzen. Doch so klein Mozilla auch sein mag, so wichtig sind sie durch den stattlichen Marktanteil des Firefox. Dieser ist derzeit der verbreitetste Browser mit HTML5-Video-Unterstützung, in manchen Statistiken sogar der wichtigste Browser überhaupt.
  • Meiner Voraussicht nach wird es Marktmacht sein, die dieses Rennen entscheiden wird. Die Verbreitung von Safari und Mobile Safari steigt, andererseits sind Chrome und Firefox weiterhin auf Siegerkurs. Das Erscheinen des Internet Explorer 9 wird einen weiteren Faktor darstellen. Die Situation wird sich also zuspitzen.