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In Defense of New Amateurs – Zur Verteidigung der »Neuen Amateure«

Dies ist ein persönlicher Beitrag. Es geht um meinen Hintergrund und mein Selbstverständnis beim Schreiben über Webtechniken.

Die Zunft der Webworker

Vor vier Jahren tobte in der Webstandards-Szene eine Diskussion um »Neue Professionalität«. Im Grunde ging es der In-Crowd, die sich neuen Techniken und fortschrittlichen Verfahren gegenüber aufgeschlossen zeigten, dabei um Abgrenzung von denjenigen Vertretern ihrer Zunft, deren Fähigkeiten hinsichtlich sinnvollem Einsatz von Webstandards, Barrierefreiheit und Wartbarkeit der Entwicklung hinterherhinken: »People still delivering nested table layout, spacer gifs or ignoring accessibility can no longer call themselves web professionals.« (Andy Clarke) Geprägt wurde dieser Diskurs von einer internationalen Elite: Meinungsführer, die einflussreiche Blogs führen, als Fachautoren tätig sind, weltweit Konferenzen besuchen und Teil von Netzwerken wie dem Web Standards Project sind. Frei nach Lenin formulierte Peter-Paul Koch: »Any (r)evolutionary process needs an elite of early adopters«.

Schon Anfang 2006 habe ich mich im Artikel Modernes Webdesign verbreiten kritisch mit dem Mem der »Neuen Professionalität« auseinandergesetzt. Im Zuge der Diskussion wurde die Ausgrenzung in einen Auftrag zum Einschluss gewendet: »We have to reach the New Amateurs and transform them into New Professionals« (ebenfalls Peter-Paul Koch).

Da die Relaunches großer Sites und die Arbeiten führender Webagenturen immer noch nicht aktuellen technischen Anforderungen genügen, ist es bitter nötig, mit Blick auf Profis »Qualität im Web« zu forcieren, wie es etwa die deutschsprachige Webkrauts-Initiative tut. Nun soll es hier nicht um diese szene-interne Diskussion gehen. Vielmehr will ich diese in ihrer Fixiertheit aufbrechen. Denn mich persönlich interessiert es nicht, im Sinne der Webworker-Zunft zu agieren, ein Lehrplan zu erarbeiten und Kollegen in diesen Qualitätsstandards zu schulen. Ich halte das zwar für notwendig, aber diese Aufgabe überlasse ich anderen und versuche, einen anderen Schwerpunkt zu setzen.

Als Websites noch Homepages waren: Web-Amateure

Das Web habe ich, noch lange bevor vom Web 2.0 die Rede war und Kontaktnetzwerke mit Profilseiten aus dem Boden schossen, als ein Medium kennengelernt, in dem viele Privatleute aktiv sind und publizieren. Nicht IT-Professionelle mit Hochschulabschluss, sondern viele Amateure. Nicht Spezialisten, denen die Beherrschung der Webtechniken und der kommerziellen Software-Entwicklung ihr täglich Brot bedeutet. Diese gibt es natürlich und gewissermaßen bewege ich mich auf diesem Terrain. Full Disclosure: Auch ich verdiene mit dem Webseitenbauen Geld.

Mein Engagement zur Dokumentation, Erklärung und Erarbeitung von Webtechniken zielt allerdings nicht speziell auf diese Gruppe. Diskussionen innerhalb einer Avantgarde darum, wer sich »professionell« nennen darf und wer nicht, gehen für mich am Kern vorbei. Der Austausch über Webtechniken sollte all diejenigen Netizen einschließen, die das Web für sich nutzen, die sich im Web ausdrücken, die meist über Umwege zum Webpublishing gekommen sind und sich teilweise sehr instrumentell und sporadisch damit auseinandersetzen.

Netizen, ein altbackener Begriff, der am ehesten den durchschnittlichen Nutzer von Diensten wie E-Mail, Instant Messenger, StudiVZ, MySpace, Forum/Board, Chat, Blog, Twitter usw. kennzeichnet. Im Web aktiv zu sein ist nicht identisch damit, Veröffentlichungstechniken zu beherrschen, und fängt auch nicht damit an. Das Web ist trotz dem Unwissen darüber, was im »Maschinenraum« passiert, ein florierender sozialer Raum, in dem Millionen tagtäglich kommunizieren, in den Texte, Bilder, Videos und Töne eingespeist werden.

Ist das Erlernen von Webtechniken noch nötig?

Es ist einfacher geworden, Inhalte ins Netz zu stellen. Man muss sich nicht mehr einen Webspace mieten, um eine »private Homepage« zu veröffentlichen. Man muss nicht mehr Perlscripte hacken, um so etwas wie ein Blog aufzusetzen oder Urlaubsfotos online zu stellen. Unzählige Webdienste wollen Nutzern ermöglichen, eine eigene Websites zu gestalten, ohne sich mit HTML, CSS und JavaScript herumzuschlagen. Neue Techniken wie HTML5 legen Wert darauf, den Browser genau in dieser Funktion zu verbessern: Die Techniken des Webs werden so verbessert, dass sich der gemeine Webnutzer mit ihnen nicht mehr befassen muss, denn HTML wird selbst zur Publishing-Plattform.

Homepage – ein ebenso anachronistischer Terminus. Nachdem mit Geocities einer der letzten Hoster für »Homepages« dicht gemacht hat, versteht man unter dem Begriff vielmehr die Startseite eines Webangebotes. Lediglich die englischsprachige Wikipedia dokumentiert den damaligen Sprachgebrauch: »In some countries, such as Germany, Japan, and South Korea, and formerly in the US, the term ›homepage‹ commonly refers to a complete website ... By the late 1990s this usage had died out in the US«.

Mit der Vereinfachung des Webpublishings durch vorgefertigte Dienste scheint die Notwendigkeit weggefallen zu sein, Webtechniken auf der Höhe der Zeit allgemeinverständlich zu dokumentieren. Meiner Meinung nach ist das Gegenteil der Fall. Es haben sich lediglich die Voraussetzungen und Aufgaben an eine solche Dokumentation geändert. Es gibt sie noch massenhaft, diese oft gescholtenen »Homepages«: für Freunde und Familie, den Schachclub, den Tennisverein, den Kindergarten, die Rockband, den Counter-Strike-Clan usw. Es gibt sie zu tausenden, die Blogs und Content-Management-Systeme, deren »Themes« die Besitzer personalisieren und erweitern wollen. Dazu kommen sie nicht um grundlegende HTML- und CSS-Kenntnisse herum. Und letztlich haben sie einfach Spaß daran, an der Site zu schrauben und zu basteln, neue Features und Gimmicks einzubauen.

Aufklärung der interessierten Laien

All diesen Webteilnehmern ist gemeinsam, dass sie keine Experten für die Webentwicklung sind, nicht unbedingt werden wollen, aber diese Arbeit auch nicht an Webprofessionelle delegieren können oder wollen. Allerdings sind sie auf Tutorials und Support von Experten angewiesen, um sich das nötige Wissen selbst anzueignen. Eine grundlegende Bereitschaft, sich in die Technik hineinzufuchsen, besteht meist. Doch wer leistet eine Vermittlung zwischen diesen Anfängern und der Webentwicklung?

Für die aufklärerische Absicht, diese interessierten Laien zu erreichen, steht für mich das Wirken von Stefan Münz – sei es die »Energie des Verstehens« oder die erweiterte Vermittlung von »Webkompetenz«. Dieser Anspruch war ein Grund, warum ich mich lange beim SELFHTML-Projekt engagierte. 2006 schrieb ich (eigentlich zur Frage, warum SELFHTML hauptsächlich kostenlose und quelloffene Software dokumentiert):

Die Zielgruppe der SELFHTML-Dokumentation [sind] m.E. fachfremde Menschen, die sich mit der Technik auseinandersetzen wollen, um im Web publizieren zu können, ohne Spezialisten sein zu müssen. Insofern lebt SELFHTML ziemlich vom Amateurgeist und einer gesellschaftlichen Bewegung, die Nicht-Techniker zu Webautoren macht. Zielgruppe sind daneben auch professionelle Webworker und Webentwickler, aber nicht ausschließlich. Insofern will und kann SELFHTML auch nicht die professionelle Webentwicklung adäquat abbilden, sondern hat einen Fokus auf anfängergerechte, frei und breit verfügbare Techniken und Sprachen. Darin, dass SELFHTML Teil einer »Öffnungsbewegung« des Webs ist, ist auch der Hang zu Open-Source-Techniken begründet.

Die Weitergabe des Wissens scheitert

Die Trennung der Zielgruppe in hilfesuchende Amateure und Experten bedeutet einen strukturellen Konflikt, der die Diskussion maßgeblich prägt. Dieser ist beispielsweise seit Anbeginn Streitpunkt Nummer 1 und Auslöser sozialer Spannungen im SELFHTML-Forum. Mein ehemaliger SELFHTML-Kollege Roland »Orlando« Skop hat diese unaufgelöste Situation auf eine treffende Formel gebracht:

Die Leute draußen wollen publizieren und benötigen das Know How. Die Leute herinnen haben das Wissen und scheitern bei dessen Weitergabe.

Diese nüchterne und gleichzeitig erschütternde Erkenntnis bringt die »Klassenspaltung« in Sachen Webauthoring auf den Punkt. Sie spricht selten deutlich die Problemlage und die Aufgabe aus, die sich für die Dokumentation und Diskussion von Webtechniken stellt. Auch wenn unter anderem das SELFHTML-Projekt große Erfolge bei der »Aufklärung« erzielte: Im Grunde steht es schlecht um den »leicht verständlichen Zugang zum Publizieren im Internet«, wie es die Vereinspräambel als heeres Ziel formulierte. In den vergangenen Jahren hat sich im deutschsprachigen Raum zu wenig getan – erfreuliche und lobenswerte Ausnahmen bestätigen die Regel – und die Kluft zwischen Anfängern und Experten wurde meiner Erfahrung nach tiefer. Das ist nicht nur SELFHTML anzulasten, auch wenn der Niedergang des SELFHTML-Projektes sein Übriges tut. Es ist meines Erachtens ein kollektives Scheitern, das sich durch Bücher, Artikel, Magazine, Weblogs, Foren und Chats zieht.

Wo bleibt die Breitenbildung?

Ein Grund ist sicherlich, dass sich die organisierten Profis in erster Linie mit ihrer eigenen Zunft beschäftigen. Diesem Engagement möchte ich, wie eingangs erwähnt, nicht die Notwendigkeit absprechen. Im Gegenteil, wir brauchen Theorie und Forschung, die in die professionelle Webentwicklung hineinwirkt. Bei soviel »Spitzenförderung« wird jedoch übersehen, dass Webauthoring im 21. Jahrhundert vor allem ein »Breitensport« ist.

Die Grenze zwischen Amateuren und Professionellen ist fließend: Die wenigsten Webworker haben eine klassische Karriere durchlaufen, sind ausgebildete Informatiker, Software-Entwickler, Mediengestalter oder Kommunikationsdesigner. Keine Unternehmensgründer oder Angestellte großer Agenturen, sondern vermehrt kleine Bastler (vgl. Umfrage unter deutschsprachigen Webworkern). Im Web publizieren zu müssen trifft viele unerwartet, und dann stehen sie meist ziemlich im Regen. Die meisten sind über Umwege und manchmal sogar aus der Not heraus zum Webdesign gekommen.

Es gibt viele kommerzielle Konferenzen und kleinere informelle, kostengünstigere Unkonferenzen, auf denen Profis Profis informieren. Es gibt viele Weblogs und Fachmedien, in denen Profis ihre Techniken vorstellen. Unter Profis existiert ein dichtes Kontaktnetzwerk, man diskutiert über Mailinglisten, Blogs und Twitter. Das Angebot für den durchschnittlichen Netizen fällt hingegen mau aus. Sicherlich gibt es Treffen von Web-Communities, aber dort geht es mehr um Socializing denn um das Erlernen und Vertiefen von Webtechniken, um das gemeinschaftliche Entwickeln von Webprojekten, das Ausprobieren neuer Techniken, die Weitergabe und das selbstständige Aneignen von Wissen.

Gut aufbereitete, verständliche Inhalte für Anfänger in ihrer Muttersprache sind rar. Somit bleibt das Herrschaftswissen der Elite vorbehalten, während der Rest zum Konsum von Listenblogs, Showcases und Fertigmodulen verdammt ist. Die Generation Copy and Paste hat bereits Schwierigkeiten damit, vorhandene Lösungen einzusetzen und an die eigenen Wünsche anzupassen. Fragen sie mal bei Experten nach Hilfe, ätzt die Community zurück, sodass sie sich im Stich gelassen fühlen.

Mehr Evangelismus

Wo wird das Wissen weitergegeben? Wer ermöglicht und vereinfacht den Einstieg? Welcher Experte steigt von seinem Thron herab und versucht das, was auf Profi-Konferenzen Gang und Gebe ist: »Evangelism«, heißt es im Englischen. Bei deutschen Wort »Evangelismus« denkt man gleich an die christliche Religion und religiöse Eiferer. In der Webstandards-Szene ist damit vielmehr eine Rolle gemeint, in der man über technische Praktiken aufklärt und dahinterliegende Ideen verbreitet. Der Webstandards-Bewegung ging es historisch um Werte wie Standardisierung, Interoperabilität, Usability und Zugänglichkeit (Barrierefreiheit).

Gleichermaßen wünsche ich mir ein engagiertes, begeistertes Eintreten für eine »Demokratisierung« der Webentwicklung, das heißt die Aufklärung über die Grundlagen des Webauthoring. Eine Diskussion darüber, wie das Klima für Anfänger und Nicht-Techniker angenehmer gestaltet werden kann, fehlt in der Szene der »Auskenner« nahezu gänzlich. Mein Engagement habe ich immer auch so verstanden, diese Lücke zu füllen und dieses kleine Pflänzchen zu wässern. Jeder, der will, soll dieses Webdings verstehen und mitgestalten können. »HTML-Dateien selbst erstellen« lautet immer noch der Untertitel der SELFHTML-Dokumentation – das ist im heutigen Web, in denen sich die Mitgestaltung oftmals auf das Ausfüllen von Profil-Formularen bei Facebook und MySpace beschränkt, immer noch eine wünschenswerte individuelle Selbstermächtigung.