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Lesbarkeit von Texten im Web

Ich bin ein Webarbeiter und Webnutzer und habe doch ein merkwürdiges Verhältnis dazu, wie sich große Teile des Webs wirtschaftlich am Leben halten: Ich habe sämtliche relevante Werbung geblockt. Werbung wird meist mittels JavaScript von zentralen Servern eingebunden. Daher gestaltet es sich als einfach, sich nahezu sämtlicher konventioneller Werbung im Web zu entledigen.

Ich bewege mich im Web wegen der Texte. Genauer gesagt wegen der einfach auffindbaren und universell nutzbaren Texte. Die meisten Texte im Web sind kostenlos lesbar, Texte unter den gegebenen Umständen zu schreiben hingegen kostet Geld. Die meisten Webtexte lassen sich nicht verkaufen, daher werden sie in der Freizeit geschrieben. Besonders über Web- und Software-Entwicklung, aber genauso kulturelle, politische und private Blogs.

Inhalte sind unlesbar

Auch diejenigen, die Texte schreiben (lassen), um damit Geld zu verdienen, verkaufen sie nicht direkt. Das Standbein der Content-Industrie ist vielmehr Werbung, insbesondere bei den journalistischen Angeboten. Da nur wenige Verlage es wagen, ausschließlich zahlende AbonnentInnen zu bedienen, sind diese Angebote meist kostenlos. Im Gegenzug pflastern sie ihre Sites mit mehr oder weniger effektheischender Werbung und als »Services« getarnten Affiliate-Diensten zu. Um möglichst viele Seitenabrufe zu generieren, wird jede Unterseite zu einem aufdringlichen »Portal« mit aufgeblasene Headern, Footern und Seitenleisten. Der eigentliche Textinhalt geht darin unter, eingepfercht in einer schmalen Spalte, angereichert durch fragwürdige »Klickstrecken«, Videos, Links zu verwandten Texten und Social Bookmarking. Wer sich so finanziert, muss eine Site auch inhaltlich massentauglich gestalten. Diese Entwicklung soll hier nicht beklagt, sondern technisch geschildert werden.

Wiederherstellung der Lesbarkeit

Festzustellen ist, dass diese Praxis den LeserInnen zunehmend gegen den Strich geht. Der Widerstand fing mit einem experimentellen Bookmarklet an: Ein kleiner JavaScript-Button, den man in der Browser-Symbolleiste ablegt. Er trägt den Namen »Readability« und das ist schon alles, was er verspricht: Die Lesbarkeit von Texten im Web wiederherzustellen. Mithilfe eines recht einfachen Algorithmus versucht das Script, das HTML-Element im Dokument zu identifizieren, das den Hauptinhalt, den Fließtext enthält. Daraufhin wird dieser freigestellt, sämtliche anderen Seitenelemente – insbesondere Werbung – werden ausgeblendet. Zudem wird die Typographie verbessert: Schriftart, Schriftgröße, Zeilenlänge und Zeilenabstand werden auf ein individuell gut lesbares Maß gesetzt.

Die verbreiteten Site-Strukturen dienen dem Zweck, dem kommerziellen Angebot durch Werbe-Impressions die wirtschaftliche Rentabilität zu sichern. Sie dienen weniger dazu, eine sinnvolle Navigation zu ermöglichen. Vielmehr sind sie überladen, unattraktiv und erschweren das Lesen längerer Texte, anstatt es zu fördern. Readability bedient insofern ein verbreitetes Bedürfnis und stieß einen Trend an. Verschiedene »Read it later«-Anwendungen bieten ihren NutzerInnen an, Online-Texte ohne das störende Beiwerk zu speichern und zu lesen.

Konflikte vorprogrammiert

Was aus Sicht der LeserInnen ein echtes Interesse an den Artikeln ist, sehen die Site-BetreiberInnen hingegen als »Betrug«: Wer die Werbung und die Zusatzangebote ausblendet, wer den Text seinem Kontext entnimmt – sei es auch nur, um ihn komfortabel und in Ruhe zu lesen –, der schade dem Fortbestehen des Angebots. Diese Argumentation ist angesichts der ökonomischen Verhältnisse nicht von der Hand zu weisen, sie zeugt aber von wenig Einsicht in die eigene Lage.

Nun sind nicht alle Verlage uneinsichtig. Dass LeserInnen Wert auf den (Haupt-)Inhalt legen und nicht permanent abgelenkt und eingeschränkt werden wollen, ist vielen nicht entgangen und hat sich bereits in manchen Relaunches niedergeschlagen. Site-Strukturen werden klarer, reduziert auf das Wesentliche. Eine ansprechende und lesefreundliche Typographie hat einen höheren Stellenwert erlangt. Werbeformen werden, auch unter dem Eindruck der aufstrebenden Textwerbung, weniger aufdringlich.

Das neue Readability

Mittlerweile ist aus dem kleinen Bookmarklet Readability eine umfangreiche kostenpflichtige Anwendung geworden, die sich auf das Extrahieren, »Säubern«, Speichern und die ansprechende Präsentation von Online-Texten spezialisiert hat. Neben dem Lesen auf dem Desktop-Computer werden Mobilgeräte anvisiert.

Dies ist noch eine weiterer Aspekt: Besonders zum Lesen auf Smartphones und Tablets taugt das überladene Design der meisten Sites nicht. Dabei sind gerade diese als Zeitungsersatz auf dem Sofa oder unterwegs im Kommen. Die technischen Möglichkeiten, um diese Leseformen zu berücksichtigen, sind durchaus vorhanden. Das Stichwort dazu lautet Responsive Web Design. Dennoch scheint es AnbieterInnen schwer zu fallen, sich von ihren gewachsenen Strukturen zu verabschieden zugunsten eines reduzierten, aber gestalterisch und typographisch anspruchsvollen Designs.

Noch komplexer wird die Situation dadurch, dass das neue Readability auf den Vorwurf reagiert, es würde die Inhalte der Ursprungsangeboten abgreifen und ihnen somit die Werbe-Einnahmen vorenthalten. Readability nimmt Geld ein, um 70% davon unter den ursprünglichen AnbieterInnen auszuschütten, sodass der Dienst denen gegenüber »fair« bleibt. Damit kombiniert Readability verschiedene Trends: Das »Befreien« von Online-Texten zugunsten der Lesbarkeit, das Offline-Abspeichern, das komfortable Lesen auf Mobilgeräten und schließlich freiwilliges Micropayment im Stil von Flattr.

Warum so umständlich?

Dieser Ansatz erscheint auf den ersten Blick absurd: Verlage stellen kostenlose Texte ins Netz und geben massig Werbung und fragwürdige Zusatzinhalte dabei, schließlich handelt es sich um gewöhnliche gewinnorientierte Unternehmen. Während die Texte gerne konsumiert werden, stört die Art der Präsentation, sodass andere kommerzielle Dienste entstehen, die die reinen Texte extrahieren und wiedergeben. Damit diese nicht als »Content-Diebe« dastehen, bieten sie den Verlagen an, an einer Ausschüttung der von ihnen erhobenen Gebühren teilzuhaben.

Wenn auch über Umwege fließt somit Geld an die ProduzentInnen unter der Bedingung, dass die Inhalte werbefrei, flexibel und komfortabel lesbar sind. Das sollte die Verlage eigentlich freuen. Es stellt sich die Frage, ob sie dieses Spiel unter den Bedingungen von Readability mitspielen oder ob sie selbst in die Offensive gehen. Manche Online-Zeitungen bieten bereits ein abgespecktes Design, eigene kostenpflichtige iPhone- und iPad-Apps, sind als digitales Abonnement verfügbar oder setzen sogar massiv auf Flattr.

Werbung funktioniert nicht

Inhalte-AnbieterInnen werfen Werbeblockern vor, ihr Geschäftsmodell zu untergraben. Dies ist zunächst einmal zutreffend, retten können sie es mit diesem Lamento jedoch nicht. Auch wenn Werbung das derzeitige Standbein der Content-Industrie ist, so kann und wird es dabei nicht bleiben – so meine Prognose. Denn selbst wenn ich Werbung nicht blocken würde: Weder schaue ich konventionelle Werbung an noch klicke ich auf sie. Wer schon länger im Web unterwegs ist, der nimmt die übliche Werbung überhaupt nicht mehr wahr. Die sogenannte »Banner Blindness« hat die Usability-Forschung schon 1998 festgestellt.

Werbung muss nicht notwendig uninteressant und unnütz sein – sie ist es jedoch erfahrungsgemäß. Ich brauche keine private Krankenkasse, suche keine Führungsposition im Banking, will kein Geld in Teakholz anlegen, bin nicht interessiert an der Dragonball Z DVD-Collection, möchte weder ein Hotel in Südtirol buchen noch in Dänemark angeln. Und wenn doch, dann würde ich nicht auf Werbung klicken, sondern gezielt entsprechende Websites aufrufen. Ab und zu klicke ich aus Neugier beispielsweise auf Google-AdWords-Werbung. Es ist fast immer wieder eine Enttäuschung und eine Bestätigung, dass es richtig ist, die übliche Werbung zu blocken.

Was gut für mich funktioniert, sind Micropayment-Lösungen wie Flattr und PayPal. Derzeit wird Flattr in Deutschland hauptsächlich von einer umgrenzten und homogenen Bloggingszene verwendet. Was derzeit netz- und technikaffinen Menschen vorbehalten scheint, wird langsam Mainstream. Die tageszeitung setzt Flattr seit Mitte letzten Jahres breit ein. Die durchaus zwiespältigen Erfahrungen werden im taz-Hausblog geschildert. Sicherlich lässt sich mit den bisherigen mickrigen Einnahmen noch kein professioneller Journalismus bezahlen. Dass jedoch Lösungen wie Readability aus dem Boden schießen, sollte auch behäbige Verlage zum Experimentieren bringen. Wie auch immer dieser schwelende Konflikt weitergeht: Es ist aus Usability-Sicht nur zu begrüßen, dass Bewegung in die Sache kommt.

Vor vier Jahren schrieb ich ebenfalls über die Lesbarkeit von Texten im Web. Im Jahr 2006 formulierte Roland Skop »Gedanken hinsichtlich einer Befreiung moderner Layouts vom Ballast vergangener Zeiten«.