Eine Glosse.
»Wahrscheinlich wird das Schreiben von Hypertexten irgendwann in der Schule gelehrt werden, so wie die Schüler heute lernen, lineare Aufsätze korrekt zu redigieren.«
»Multimedia, Hypertext und Internet«, Jakob Nielsen, 1996 (Ersterscheinung 1995 als »Multimedia and Hypertext: The Internet and Beyond«)
Die ursprüngliche Vision des World Wide Webs als globalem Hypertext-Graswurzelmedium mit ganzheitlich revolutionärer Wirkung auf die menschliche Kommunikation und menschliches Denken an sich ist, nüchtern betrachtet, auf ganzer Linie gescheitert. Das erhoffte freie und schöpferische Hyper-Denken, Hyper-Lesen und Hyper-Schreiben bliebt weitesgehend aus. Stattdessen dominieren wenige, immer wieder kopierte Konzeptformen, welche von hypertextuellen Strukturen und Elementen keinen Gebrauch machen, sondern nur die klassischen letztlich linearen Verknüpfungstechniken aus Printmedien elektronisch abbilden und vereinfacht zugänglich machen. Die Texte und Gedanken werden nur sporadisch nachträglich webgerecht überarbeitet und aus ihrem sequentiellen Korsett befreit. Das direkte Schreiben von hypertexttypisch mehrsträngig aufgebauten, strukturell aufgewerteten und fragmentierten Texten mit herausgearbeiteten Bezügen durch interne und externe assoziative Verwebung bei einer entsprechenden Site-Struktur sowie bei einem entsprechenden Autor-Leser-Verhältnis scheint die absolute Ausnahme im Web – im populärsten, größten und einzigen universalen Hypertextnetzwerk müssen die Hypertexte mit der Lupe gesucht werden. Während es mittlerweile zur Schulbildung gehört, textuelle und zumindest grafische Daten mit Hilfe eines WYSIWYG-Editors in Webseiten zu arrangieren, und das Web bzw. Internet ein mehr oder weniger interaktives Kommunikationsmedium für die breite Masse geworden ist, ist die Kompetenz des Schreibens von Hypertexten, insbesondere elektronischen, und des Komponierens von Hypermedia ebensowenig verbreitet wie vor dem WWW-Boom. Der Hypertext-Vordenker Theodor H. Nelson kommentiert diese Entwicklung seit jeher gewohnt polemisch: The Web isn’t hypertext, it’s DECORATED DIRECTORIES!
Das WWW im Jahre 2003 spottet den utopischen Verheißungen wie:
Wer heute noch mit Subversivität, Parolen der WWW-Aufbruchzeiten wie »The medium is the message«, »Everyone is a publisher« (jeder ist »sein eigener Chefredakteur«) und der sogenannten »unveräußerlichen« Meinungs- und Informationsfreiheit des Mediums wedelt, wird höchstens milde belächelt. Nicht nur, weil vieles davon selbstverständlich geworden ist, sondern auch, weil die erhofften folgenden Segnungen nicht eintraten bzw. schon lange nicht mehr von einem im besten Sinne des Wortes anarchistisch bzw. autonom organisierten Medium gesprochen werden kann und Neuansätze möglicherweise vorhanden, aber nicht erkennbar sind.
»Jeder Leser hinterläßt bei der Lektüre seine eigene Spur im Text. Oder besser: jeder Leser komponiert den Gegenstand seiner Lektüre durch aktive Selektion der vorgegebenen Links. Die individuelle Rezeptionsperspektive bestimmt die Abfolge der Textbausteine. Lesen ist nicht länger ein passiver Vorgang der Rezeption, sondern wird zu einem Prozeß der kreativen Interaktion zwischen Leser, Autor und Text.
Auch das Schreiben von Texten verändert sich. Schreiben wird zu einem Geschehen der produktiven Vernetzung assoziativer Komplexe. Die vielfältigen Beziehungen, die zwischen den verschiedenen Gedankengängen bestehen, die der Schreibende entwickelt, lassen sich durch Hyperlinks festhalten und repräsentieren. Während der lineare Buch- oder Aufsatztext die komplexen Verflechtungsverhältnisse, die zwischen unseren Gedanken bestehen, künstlich linearisiert und in eine hierarchische Ordnung zwingt, erlaubt der Hypertext eine direkte Darstellung derjenigen Strukturen und Zusammenhänge, die im Buch nachträglich und unzulänglich durch Fußnotenverweise und Indices rekonstruiert werden.«
Hypertextualität im WorldWideWeb, Mike Sandbothe, 1996
Das WWW enttäuschte vor allem dadurch, dass Hypermedia für alle und jeden im Bunde mit der mühelosen, schnellen weltweiten Verbreitung als Erlöser hochgelobt wurde. Diese Hoffnungen und Erwartungen fußten auf zahlreichen Ideen der Medientheorie und Kommunikationswissenschaft, beispielsweise wurde WWW-Hypertext als real existierendes Rhizom im Sinne Deleuzes/Guattaris gepriesen und idealisiert konstruktivistisch gedeutet (Rezeption von Hypertext als kreativ-konstruierender Akt). Es schien sogar so, als glaubten manche, dieses Medium sei die einzig angemessene und gleichzeitig ultimative Antwort auf die fraktale Individualisierung, das sich ständig potenzierende Wissen und, plakativ formuliert, die Antwort auf die moderne Zivilisation an sich (der Bildungseliten der vernetzten westlichen Industrienationen, versteht sich): Das Medium Web wird der Mannigfaltigkeit der Welt und der Menschen gerecht. Im Web hat alles Platz. Im Web ist alles erlaubt. Das Web ist offen für alles und jeden. Das Web wird mit allem fertig. Das Web macht Unmögliches möglich. Das Web weiß auf alles Rat. Das Web befriedigt ureigenste Bedürfnisse auf nie dagewesene Weise. Das Web ist der globalisierte American Dream. Das Web schafft das, was in der realen Welt alleine nicht geschafft wurde. Das Web durchbricht die verkrusteten Politikmuster und definiert das Demokratieverständnis neu (»E-Democracy«, »E-Government«). Das Web liefert Emanzipation frei Haus. Das Web erlaubt Selbstbedienung und All you can eat. Das Web überwindet Ozeane, Grenzen, Mauern, Zäune, Stacheldraht, Ideologien, Repression, Zensur ebenso wie Kulturdiversität, Sprachbarrieren, Hilflosigkeit und Vereinzelung – das »Globale Dorf«, alles wächst zusammen, alle Menschen kommen sich näher. Das Web stellt die interkulturelle Verbindung her, auf der die offene Gesellschaft der nächsten Epoche fußen wird. Das Web löst das Dilemma der qualitativ kommunikationsarmen Gesellschaft. Die Prinzipien des Webs und des Hyperdenkens werden alle Lebensbereiche segensreich durchdringen. Das Web wird überall sein. Das Web für die Hosentasche, das Web für dich, das Web für mich. Das Web saugt Welten in sich auf und speit Traumwelten aus.
Diese Grenzenlosigkeit auf allen denkbaren Ebenen blieb selbstverliebter, verblendeter Fortschrittsoptimismus. Das WWW fand schnell in »geordnete Bahnen«, und die Euphorie ist der desillusionierenden Realität aus Werbebannern, Bezahlinhalten, Benutzbarkeitsdefiziten, unbrauchbaren, qualitativ miesen Informationen und täglich grüßenden Murmeltieren gewichen. Die augenscheinlich von vielen Zwängen und Hemmnissen befreiten Webnutzer benahmen sich alles andere als entgrenzt, und der Neue Mensch, sozusagen der Hypermensch, ließ auf sich warten.
Wieviel Hypertext gibt es im WWW wirklich und wo sind diese Hypertext-Inseln im WWW, was sind Publikationsformen mit ursprünglichen Elementen?
»The “Browser” is an extremely silly concept – a window for looking sequentially at a large parallel structure. It does not show this structure in a useful way.«
Ted Nelson’s Computer Paradigm, Expressed as One-Liners, Ted Nelson, 1999
»All Web browsers have neglected the need to visualize structural information. Pre-Web hypertext systems often did this, and the research showed that good structural visualizations (not whizzy 3D views) helped substantially.«
Alertbox: Is Navigation Useful?, Jakob Nielsen, 2000
link), Metadaten (meta, Dublin Core, RDF), typisierte Hyperlinks (rel/rev, hreflang), Quellenreferenzen (cite) sowie abwärtskompatible/redundante Objekteinbindung (object). Ein Browser könnte diese Informationen nicht nur in die verbreitete Darstellungsweise einbinden, sondern auch alternative Visualisierungsarten, welche beispielsweise selbstständig Sitestrukturen abbilden, und Navigationsmechanismen bereitstellen....
Siehe auch: Die tote Hypertextphilosophie.
Autor: molily — E-Mail: zapperlott@gmail.com — Letzte Änderung: 14.05.2004 — Impressum