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HTML5: Ein soziales Desaster?

Abseits der technischen Erklärung und Diskussion von HTML5 geht es im Folgenden um die Entwicklung des HTML5-Standards. Wer macht ihn und wie? Die sicherlich aufschlussreichen geschichtlichen Ereignisse, die HTML5 zum jetzigen kommenden Webstandard gemacht haben, lasse ich dabei außen vor, sondern versuche die Umstände zu beschreiben, unter denen derzeit daran gearbeitet wird.

In den Augen von Kritikern ist die Arbeit an HTML5 von einer kleinen, selbstherrlichen Gruppe bestimmt, die einen bestimmten Kurs durchdrückt. Nur eine Person, der »Herausgeber« (editor) hat Schreibrechte auf die Dokumentation. Diese Person, Ian Hickson, ist Gründer der WHATWG, die HTML5 einst auf den Weg brachte. Wegen dieser Machtkonzentration wird er selbst von Anhängern ironisch als wohlwollender Diktator (benevolent dictator) oder Vorsitzender (Chairman) beschrieben – letzteres in Anlehnung an die Sprache autoritärer Regime.

»Demokratie und Konsens funktionieren nicht, wir brauchen jemanden, der durchgreift!«

Dass diese Diktatur existiert, zweifeln die wenigsten einflussreichen Webstandards-Verfechter an. Aber es sei, so die Verteidigung, eine gute Diktatur und deshalb sei sie in Ordnung. Jeremy Keith gibt zu, dass diese Herrschaft als absolutistisch bezeichnet werden kann. »L’État, c’est moi«, der Staat, das bin ich, sagte einst der französische »Sonnenkönig« Ludwig XIV. Dementsprechend: HTML5, das ist Ian Hickson. Doch anstatt dass eine bürgerliche Revolution den Sturz des Monarchen fordert, erhebt sich der dritte Stand, um zu sagen: Demokratie funktioniert nicht, Diktatur ist besser – wenn es denn der richtige Diktator ist. Und Ian Hickson sei der richtige, der den moralischen Auftrag des Volkes erfülle, seine Übermacht weise einsetze und salomonische Entscheidungen fälle. Es mache nur aus der Außensicht den Eindruck, das dem nicht so sei.

Das findet Kyle Weems zurecht anachronistisch. Wir sind nicht mehr im 17. Jahrhundert, der Diktator bleibt ein Diktator, der Leviathan ist bloß ein menschenfressendes Monster. Weems bezweifelt, dass der Zweck (eine brauchbare HTML5-Spezifikation) die Mittel (die Weise, wie sie erarbeitet wird) heiligt und merkt an, dass dieses Modell demokratische Beteiligung ausschließt.

Wüste Beschimpfungen

Es sind nicht nur handfeste inhaltliche Differenzen, die einseitig entschieden werden und den HTML5-Prozess kritikwürdig machen. Es ist die kommunikative und menschliche Unfähigkeit, mit der die maßgeblich Beteiligten auf sachliche Kritik reagieren.

Ein großer Zankapfel ist die Umsetzung der Erweiterbarkeit von HTML5. Das auf XML basierende XHTML hatte dazu eine Möglichkeit eingebaut (»eXtensible HTML«). Mithilfe von Namensräumen lassen sich Elemente aus verschiedene Sprachvokabularen wie z.B. HTML, SVG, MathML und RDFa in einem Dokument vermischen. HTML5 soll ebenfalls die Direkteinbettung von SVG- und MathML-Elementen ermöglichen, Ian Hickson wehrt sich aber – sicherlich mit einigen guten Gründen – standhaft gegen die Einführung von Namensräumen, wie sie RDFa derzeit benötigt.

Ein Microsoft-Mitarbeiter steuerte im September einen Entwurf zur Erweiterbarkeit von HTML5 durch eigene Elemente bei. Es mag sein, dass dahinter – wie Mark Pilgrim hinter all der Häme vermutet – handfeste Interessen von Microsoft stehen, sein XML-Ökosystem mit vielen eigenen HTML-Erweiterungen in den HTML5-Standard zu drücken. Genauso sei dahingestellt, ob der Standard damit eine Tür zu proprietären Techniken öffnen würde. Dies ist eine technische Frage, über die heftig, aber sachlich gestritten werden müsste.

Doch hinter den Kulissen, in dem IRC-Channel #whatwg und auf Twitter, ätzen WHATWG-Mitwirkende ungeschminkt und herablassend gegen Kontrahenten, darunter gegen andere Interessensgruppen, die ihr gegenüber stehende W3C-HTML-Arbeitsgruppe und Kritiker des HTML5-Prozesses. Keiner scheint sich dort mit Ruhm zu bekleckern, sondern äußert selbstherrliche und hasserfüllte Kommentare. Auf die Microsoft-Eingabe wurde u.a. so reagiert:

* tantek thinks the proposal is one of the more hilarious things he's seen on the public-html list in quite some time.
* tantek is resisting the temptation to write a massive "bitch-slap" (technical term) email to public-html in response to the proposal. (Microsoft people ought to know better)

Sinngemäße Übersetzung: Tantek Çelik hält die Microsoft-Einreichung für eines der lustigsten, gar lachhaftesten Dinge, die er seit langer Zeit auf der Mailingliste gesehen hat, und er muss der Versuchung widerstehen, eine Antwortmail mit einer ordentlichen verbalen Ohrfeige zu posten. Denn Microsoft müssten es schließlich besser wissen.

Währenddessen würde Mark Pilgrim denen, die eine gewisse Erweiterbarkeit fordern, am liebsten ein schlichtes, unmissverständliches »Fuck you« antworten. Den WHATWG-Mitstreiter Anne van Kesteren bringt das gar zum Lachen und er bloggte das Zitat jüngst.

Dass es auf der jeweils anderen Seite, etwa beim W3C und in den XML- und RDF-Communities, ebenfalls Betonköpfe gibt, die persönliche Fehden wie HTML vs. XML ausfechten und sich hinter dem Rücken im Ton vergreifen, entschuldigt nicht, dass der wichtigste Webstandard in einem fragwürdigen Prozess von Leuten erarbeitet wird, die sich gänzlich unprofessionell verhalten.

Der Streit um »distributed extensibility« und RDFa ist nur ein prägnantes Beispiel unter vielen. All diese traurigen Entgleisungen zu dokumentieren, das haben bereits andere geleistet. Kyle Weems dazu:

»These aren’t the only times these sort of offensive public conversations have occurred, where WhatWG members have publicly derided, insulted or challenged the intelligence of the individuals they’re politely talking to in other conversations about topics they’re mutually involved in (such as HTML5).«

Sinngemäße Übersetzung: Solche Angriffe kamen des öfteren vor. WHATWG-Mitglieder haben öffentlich diejenigen verspottet, beleidigt und deren Intelligenz in Frage gestellt, mit denen sie gleichzeitig an anderer Stelle freundlich über HTML5 diskutieren.

Feindliche Atmosphäre für Engagierte

Eine prominente Kritikerin des HTML5-Prozesses ist Shelley Powers. Nicht nur beteiligt sie sich inhaltlich an der Weiterentwicklung von HTML5, sondern weist auch immer wieder auf die strukturellen Schwächen der Arbeitsweise hin. In ihren Weblogs Burningbird und Bb RealTech sowie auf Twitter äußert sie sich fundiert zu aktuellen HTML5-Diskussionen. Ihr Kommentar zum Microsoft-Vorschlag steht exemplarisch für die feindliche und enttäuschende Atmosphäre, die ihrem Engagement entgegenschlägt. Daraus:

»I wish I could say that the happy campers of the HTML WG are willingly to at least enter into an open and unbiased discussion on the proposal, but I stopped believing in fairy tales, a long time ago. There is contention on this issue (namespaces for distributed extensibility), as noted in the past, in current discussion, in the HTML WG bug database, related to the new RDFa-in-HTML proposal. Needless to say, the WhatWG members have responded in their typically, open and mature manner.«

Auf deutsch in etwa: »Ich wünschte, die zufriedenen Mitglieder der HTML-Arbeitsgruppe sind diesmal zumindest gewillt, an einer offenen und vorurteilsfreien Diskussion über den Microsoft-Vorschlag teilzunehmen. Aber ich habe schon seit langem aufgehört, an Märchen zu glauben. Es gibt [an verschiedenen Stellen] ein Auseinandersetzung über diesen offenen Punkt (Namensräume für verteilte Erweiterbarkeit) [...]. Es ist unnötig anzumerken, dass die WHATWG-Mitglieder darauf in ihrer typischen offenen und reifen Art geantwortet haben.« – Das ist natürlich sarkastisch gemeint.

Auf Twitter schreibt Powers über den stellvertretenden Vorsitzenden der HTML-Arbeitsgruppe, Maciej Stachowiak:

And I'm also damn tired of being accused of bullying, being too aggressive, and hostile from the HTML WG co-chair

Auf deutsch in etwa: »Ich habe es verdammt satt, von [Stachowiak] des Mobbings, der Aggressivität und der Feindseligkeit bezichtigt zu werden«.

Derweil kann man nur hoffen, dass HTML5 mehr und mehr in den kritischen Blick von »Querulanten« wie Shelley Powers gerät.

Ein Entwicklungsprozess, der aktuellen Verfahren spottet

Auch wenn Jeremy Keith behauptet, HTML5 habe bereits den »most open process of any web standard«, so hat Manu Sporny einen alternativen Entwicklungsprozess vorgeschlagen, bei dem es keinen Diktator mehr gibt. Seiner Meinung nach sollte an HTML5 kollaborativ gearbeitet werden, wie z.B. an der Wikipedia oder an Open-Source-Software: Viele Leute haben Schreibrechte und über das, was letztlich in die fertige Spezifikation kommt, herrscht ein grober Konsens.

Als technisches Hilfsmittel hatte er Github auserkoren. Github ist nicht bloß ein Anbieter für Git-basierte Versionsverwaltung, Github ist ein soziales Netzwerk, das den Open-Source-Gedanken auf der Höhe von Web 2.0 neu formuliert. Nicht »Fuck you«, sondern »Fork me« ist das Credo von Github. Was soviel heißt: Jeder ist herzlich eingeladen, an der Spezifikation mitzuarbeiten. Lade dir eine Kopie herunter, arbeite daran weiter und stelle die Änderungen zur Diskussion. So sollte die Erarbeitung von grundlegenden technischen Standards im Jahr 2009 funktionieren.

Shelley Powers sprach gegen die technische Sicht der von Sporny vorgeschlagenen Verbesserungen. Sie betonte, das Grundproblem sei nicht technischer, sondern sozialer Natur:

»HTML is a web document markup language. It is not a programming language or operating system. … Why it is being treated as such is because of group demographics. The recommended processes to work through issues are symptomatic of the fact that there is little or no diversity in the HTML 5 working group, virtually none in the WhatWG group. What we have is a working group run by tech geeks: not designers, not accessibility experts, graphic artists, web authors, not even web developers. Hard core, to the metal, geeks. And to a geek, the way around a problem is to throw technology at it; the way to filter input is to use technology as a barrier.«

Auf deutsch sinngemäß: Das Problem ist die Zusammensetzung der HTML5-Arbeitsgruppen. Es sind Hardcore-Geeks, während Vertreter anderer Gruppen, die mit Webtechniken arbeiten, gänzlich fehlen, so etwa Zugänglichkeitsexperten, Grafikdesigner und einfache Webentwickler. Die technischen Hilfsmittel haben bisher nicht Mitwirkung ermöglicht, sondern Kommentare und Vorschläge dieser Leute nur »verwaltet« und somit zermahlen, anstatt ihnen eine einflussreiche Stimme zu geben.

Ausblick

Trotz harter Kritik und konkreten Initiativen hat sich noch nichts substanzielles am HTML-Prozess verbessert. Vielmehr drängt die WHATWG zur Verabschiedung von HTML5. Jeremy Keith und andere zeigten massive Schwächen von den neuen HTML5-Strukturelementen auf. Es folgten spekulative Semantikdiskussionen, wie wir sie aus HTML 4 kennen, und Änderungen an der HTML5-Spezifikation, sodass selbst die HTML5-Doktoren ihre Diagnosen revidieren mussten. Nach wie vor gibt es Brachlandschaften in HTML5, etwa die fehlende Zugänglichkeit von Canvas. Kyle Weems befürchtet, dass eine noch unfertige und mit heißer Nadel gestrickte Spezifikation einen Fehlstart hinlegen könnte.

Die tatsächliche Brauchbarkeit der neuen Techniken, die HTML5 standardisiert, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Einige Teile werden sich als erfolgreich erweisen, andere werden den Webentwicklern Kopfschmerzen bereiten. Das liegt nicht zuletzt an dem Entwicklungsprinzip »Paving the Cowpath« (Pflastern der Trampelpfade), das einst proprietäre Programmierschnittstellen (APIs) wie Canvas, die schon jetzt über ihren eigentlichen Zweck hinaus gebraucht werden, zum Standard zu erhebt. Dadurch gibt es zwar browserübergreifend unterstützte APIs. Doch das verhindert nicht, dass diese ein Desaster sind, wie der JavaScript-Experte Peter-Paul Koch etwa über HTML5 Drag and Drop urteilte.

Weiterführende Artikel zur HTML5-Geschichte