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Zum Begriff »behindertengerecht«

Wie Barrierefreiheit im Web (nicht) zu verstehen ist. – Warum barrierefreie Webseiten nicht nur für Behinderte zugänglich und benutzerfreundlich sind, sondern möglichst für alle.

Der Dualismus zwischen normalen und behinderten Benutzern

Mit dem aufkommenden Interesse an barrierefreier Webgestaltung entstanden verschiedene Vorstellungen darüber, von was die Barrierefreiheit handelt und wem sie nutzen soll. Eine besonders problematisches Auffassung baut auf der diskriminierenden Praxis auf, scharf zwischen »normalen« Menschen einerseits und eingeschränkten Menschen andererseits zu unterscheiden. Diese fragwürdige Sicht teilt die Benutzer in zwei Gruppen: Auf der einen Seite der Typ des »perfekten« Benutzers, für den es keine Barrieren gibt, weil er alle möglichen Hindernisse problemlos überwinden kann. Auf der anderen Seite der Typ des Behinderten, der das Webangebot sowieso nur eingeschränkt wahrnehmen kann.

Barrierefreiheit als Sonderbehandlung einer Minderheit?

Barrierefreiheit betrifft diesem Verständnis nach nur eine kleine Minderheit. Erst durch die Gruppe der Behinderten entstehe die Notwendigkeit der Zugänglichkeit einer Website, denn diese Gruppe bedürfe einer »Sonderbehandlung«. Die Behinderten sind dieser Definition nach dafür verantwortlich ist, dass der Webautor seine Wünsche und Ansprüche beschneiden und zurückstellen muss.

Webautoren, die Barrierefreiheit als derart beschränkt missverstehen, stellen sich die Frage, warum sie diese »Randgruppe« mit vermeintlich unverhältnismäßigem Zusatzaufwand berücksichtigen sollen – schließlich bereitet die Anpassung an die zahlreichen Browser und Plattformen bereits genügend Mühe. Oftmals weisen sie die Barrierefreiheit gänzlich zurück. Andernfalls fassen sie den Begriff der »Barriere« extrem eng auf, schließlich geht ihnen es nur um eine Minderheit. Dies kann dazu führen, das schwerwiegende Barriere einer Webseite nicht erkannt und beseitigt werden. Sie nehmen dann nur halbherzige Alibi-Änderungen vor, anstatt die Zugänglichkeit ihrer Webseite grundlegend zu verbessern.

Ein wirklichkeitsfremdes Bild der Benutzer

Anhänger dieser Sichtweise bringen nicht näher in Erfahrung, um welche Behinderungen es sich genau handelt und wie diesen in der Webgestaltung Rechnung getragen werden kann. Sie denken nicht darüber nach, nach welchen Kriterien sie Menschen zu dieser Randgruppe zählen. Das entstehende Bild der Behinderten stimmt genausowenig mit der Wirklichkeit überein, wie das des »Durchschnittsnutzers«, für den Zugänglichkeit scheinbar nicht wichtig ist.

Voreilige Einteilungen der Benutzer hinterfragen

Die besagten Benutzerkategorien sind bloße gedankliche Konstrukte, ihre Merkmale sind oberflächlich und die Trennung willkürlich. Tatsächlich gibt es keine in sich einheitlichen Benutzergruppen. Es gibt eine Vielzahl von Umgebungsbedingungen, Fähigkeiten und Bedürfnissen, die einen einzelnen Benutzer charakterisieren und die der Webautor berücksichtigen muss. Ein vereinfachendes Modell wie das der scharfen Trennung zwischen Behinderten und nicht Behinderten wird daher weder Wirklichkeit gerecht, noch hilft es beim Abbau von Barrieren weiter.

Den Begriff der Barriere ausdehnen, anstatt ihn zu zu reduzieren

Im Web kann vieles aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen der Seitenbesucher zu einer Barriere, Herausforderung, Hürde und Einschränkung werden. Ein Seitenautor sollte sich dieser Vielfalt und dieser Unterschiede bewusst werden und entsprechend vorausschauend agieren, um Barrieren zu vermeiden.

Es gibt zahlreiche allgemeine Fälle, in welchen Erkenntnisse und Zusammenhänge der Benutzerfreundlichkeit (Usability) missachtet werden, wodurch Barrieren für alle Besucher entstehen. Ein Beispiel für die allgemeine Relevanz ist zu kleine und nicht skalierbare Schrift – unabhängig davon, ob der Benutzer von Fehlsichtigkeit betroffen ist. Ein schlecht strukturierter, unnötig mit Fremdwörtern angereicherter Text kann ebenfalls Menschen den Zugang verwehren, ohne dass diese in ihrer Lesekompetenz und Verständnisfähigkeit eingeschränkt sind.

Barrierefreiheit für alle – mit Augenmerk auf bestimmte Bedürfnisse

Die Vermeidung von möglichen Barrieren hat in der Regel Vorteile für alle Besucher, die auf eine ähnliche Weise von der Webseite behindert werden könnte. Dazu müssen sie nicht im landläufigen Sinne oder im eingangs erwähnten Sinne behindert sein. Wenn Barrierefreiheit auf einen Teilaspekt reduziert wird und mit »behindertengerecht« gleichgesetzt wird, wird die Website möglicherweise denjenigen gerecht, die sich der Autor unter »den Behinderten« vorstellt – allen anderen Besuchern aber nicht. Daher kann Barrierefreies Webdesign nicht bloß »Webdesign für Behinderte« bedeuten.

Nichtsdestoweniger sollten einem Seitenautor die Unterschiede der Menschen und deren Zugangsweisen bekannt sein, um mögliche Barrieren ausfindig zu machen. Der Seitenautor muss damit rechnen, dass bestimmte Zugangstechniken eine besondere Flexibilität von der Webseite erfordern. Spezielle, alternative Ausgabemedien, die von stark eingeschränkten Menschen benutzt werden, müssen berücksichtigt werden – dies ist aber beileibe nicht das einzige Kriterium der Barrierefreiheit.

Keine Fixierung auf einzelne Zugangsweisen

Es bringt wenig, starr die Belange beispielsweise von Blinden und motorisch oder kognitiv eingeschränkten Menschen als einzigen Maßstab für den Barriereabbau anzusehen. Es ist weder notwendig noch nützlich, den kleinsten gemeinsamen Nenner aller denkbaren Zugangsarten als Richtwert aufzufassen. HTML und andere Webtechniken bieten zahlreiche eingebaute Zugänglichkeits- und Kompatibilitätsfähigkeiten. Dadurch ist es möglich, Webseiten zu schreiben, die unter verschiedenen Ausgabesituationen und Leseumgebungen möglichst optimal aufgenommen und bedient werden können.

Eine Webseite sollte »graceful degradation« garantieren, eine geschmeidige Herabstufung im Sinne von Anpassungsfähigkeit und Reduzierbarkeit. Eine dem angemessene Definition von Barrierefreiheit vereinigt Benutzbarkeit für alle, Kompatibilität, Interoperabilität und Standardkonformität in einem Begriff – all dies findet sich in den Web-Zugänglichkeitsrichtlinien wieder.

»Behindertengerecht« als Teil von »barrierefrei«

Das Problem des Begriff »behindertengerecht« ist nicht dessen wörtliche Bedeutung. Schließlich sollte eine barrierefreie Seite ohne Frage auch Behinderten gerecht werden. Insofern ist »behindertengerecht« ein grundlegender Teil von »barrierefrei« beziehungsweise »zugänglich«.

Problematisch ist, das viele »barrierefrei« mit »behindertengerecht« gleichsetzen. Diese Entwicklung ist momentan stark zu erkennen: Webautoren, die sich in den vergangenen Jahren nicht mit der Barrierefreiheit und verwandten Themen auseinandergesetzt haben, versuchen nun nachträglich, ihren Seiten Barrierefreiheit überzustülpen. Sie halten dabei an den althergebrachten Konzepten und Methoden fest, die strukturelle Barrieren aufbauen. Dadurch schaffen sie es in der Regel nicht einmal, den stark Eingeschränkten gerecht zu werden, nennen es aber »behindertengerecht«.

Alternativ-Versionen als nutzloses Feigenblatt

Manche dieser Webautoren denken, ihr Webangebot sei hinreichend zugänglich, wenn es eine minimalistische Alternativ-Version für »die Behinderten (im Sinne ihrer einseitigen Vorstellung) gibt. Einerseits haben solche Seiten eine vertrackte Benutzerführung, eine undurchschaubare Struktur und eine ungeeignete Präsentation. Andererseits bieten sie eine Textversion ausdrücklich »für Behinderte«. Die reguläre Seitenversion war nie Gegenstand der Untersuchung und des Prozesses des Barriereabbaus. – Siehe auch Das große Missverständnis: Mythos »Textversion«, Barrierefrei gleich Textversion? und Kampf den »Alternativen«.

Plädoyer für eine bedachte Begriffsverwendung

Diese Zusammenhänge sind vielen bewusst, die sich intensiv mit Barrierefreiheit im Web beschäftigen. Die wenigsten Engagierten verstehen Barrierefreiheit derart eng und die Verwendung des Wortes »behindertengerecht« stört sie nicht unbedingt. Nichtsdestoweniger ruft der Begriff »behindertengerecht« bei vielen Fachfremden Vorurteile und Klischees hervor. Sie erkennen nicht, dass eigentlich die allgemeine, umfassende Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit einer Webseite gemeint ist, von denen möglichst alle profitieren.

Einseitige Sichtweisen auf die Barrierefreiheit führen zu unangemessenen und widersinnigen Aktionen, wie etwa zum Erstellen verschiedener Seitenversionen, obwohl eine flexible Version die meisten Ansprüche in sich vereinigen könnte. Daher erscheint es ratsam, Sprache in diesem Punkt möglichst genau zu verwenden und Missverständnissen vorzubeugen.

In Anlehnung an Beiträge im Selfhtml-Forum: (MEINUNG) »behindertengerecht«, (ZU DIESEM FORUM) Wieso nicht (USABILITY) als Oberthema?.

Autor: molily — E-Mail: zapperlott@gmail.com — Letzte Änderung: 12.11.2006 — Impressum